„Wie viele Tauchgänge hast du?“
Diese Frage höre ich im Tauchumfeld ständig. Oft ist sie das Erste, was Menschen voneinander wissen wollen. Und ja – Tauchgänge zu sammeln macht Spaß, motiviert und zeigt Erfahrung. Aber unter Wasser zeigt sich immer wieder eine einfache Wahrheit: Gutes Tauchen lässt sich nicht zählen.
Die falsche Messlatte
Logbücher, Zertifikate und Tiefenangaben wirken beeindruckend. Sie geben Struktur, Vergleichbarkeit und ein Gefühl von Fortschritt. Doch sie sagen nur sehr begrenzt etwas darüber aus, wie jemand taucht.
Ich habe Taucher erlebt mit hunderten von Tauchgängen, die unter Wasser hektisch waren, ihre Tarierung nicht im Griff hatten oder wenig Aufmerksamkeit für ihre Umgebung zeigten. Und ich habe Anfänger erlebt, die nach wenigen Tauchgängen ruhig, aufmerksam und respektvoll durchs Wasser schwebten.
Der Unterschied lag nicht in der Zahl – sondern in der Haltung.
Woran man gutes Tauchen wirklich erkennt
Es gibt Dinge, die man nicht ins Logbuch schreibt, die aber unter Wasser sofort auffallen:
- ruhige, kontrollierte Atmung
- saubere Tarierung ohne Bodenkontakt
- Respekt gegenüber Umwelt, Tieren und Mittauchern
- Aufmerksamkeit für den Buddy
- Gelassenheit in ungewohnten Situationen
All das entsteht nicht durch „noch einen Tauchgang mehr“, sondern durch bewusstes Tauchen.
Weniger Druck, mehr Erlebnis
Wenn Tauchen zu einem Wettbewerb wird – tiefer, schneller, mehr – geht oft genau das verloren, was Tauchen eigentlich so besonders macht. Die Ruhe. Die Präsenz. Das Gefühl, wirklich da zu sein.
Wer aufhört, sich zu vergleichen, beginnt anders zu tauchen.
Wer sich Zeit lässt, nimmt mehr wahr.
Und wer nicht ständig das nächste Ziel im Kopf hat, erlebt den aktuellen Tauchgang intensiver.
Gutes Tauchen braucht Zeit – und Geduld
Fortschritt im Tauchen ist nicht linear. Es gibt Phasen, in denen plötzlich alles leicht fällt – und andere, in denen man sich unsicher fühlt oder stagniert. Das ist völlig normal.
Wiederholung, Reflexion und kleine Anpassungen bringen langfristig mehr als ständig neue Tiefe oder neue Brevets. Manchmal ist es wertvoller, denselben Tauchplatz noch einmal zu betauchen – ruhiger, bewusster, aufmerksamer – als immer weiterzuziehen.
Ein guter Tauchgang ist kein Häkchen
Nicht jeder Tauchgang muss spektakulär sein. Nicht jeder muss „zählen“. Manche sind einfach ruhig. Unspektakulär. Still. Und genau diese bleiben oft am längsten im Gedächtnis.
Ein guter Tauchgang ist nicht der, den man abhakt.
Sondern der, an den man sich erinnert.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion:
Weniger sammeln. Mehr erleben.





