Phil Anderegg Scuba Diving Instructor

Respekt unter Wasser ist kein Extra, sondern Pflicht

Tauchen bedeutet für mich weit mehr, als möglichst viele Tauchgänge zu sammeln oder spektakuläre Fotos mit nach Hause zu bringen. Tauchen heißt, Gast in einer Welt zu sein, die nicht uns gehört. Einer Welt, die unglaublich sensibel ist – und die wir nur dann auch in Zukunft erleben dürfen, wenn wir sie respektieren und schützen.

Nachhaltiges Tauchen ist für mich deshalb keine Option, sondern eine Grundhaltung.

Die Unterwasserwelt bewahren, wie sie ist

Korallenriffe, Fischschwärme, Großfische und kleine Lebewesen existieren nicht für unsere Unterhaltung. Sie sind Teil eines komplexen Ökosystems, das schon durch kleinste Eingriffe aus dem Gleichgewicht geraten kann. Ein Tritt auf Korallen, ein Festhalten an Tieren oder schlechte Tarierung sind keine Kleinigkeiten – sie hinterlassen Spuren, die oft jahrelang sichtbar bleiben.

Dass Verantwortung nicht nur beim einzelnen Taucher, sondern auch bei Tauchbasen und Guides liegt, habe ich bei zwei Erlebnissen besonders deutlich gespürt.

Wenn eine Grenze überschritten wird – Barracudas sind keine Requisiten

Ich war mit einer Tauchgruppe unterwegs, als wir einem beeindruckenden Schwarm Barracudas begegneten. Ein faszinierender Moment, der eigentlich nur eines verlangt: Abstand, Ruhe und Respekt. Einer der weiteren Teilnehmer jedoch wollte unbedingt einen Barracuda festhalten – vermutlich für den „perfekten Moment“ oder einfach aus Übermut.

Das Tauchcenter reagierte konsequent: Dem Taucher wurde untersagt, an weiteren Tauchgängen teilzunehmen.

Für mich war diese Entscheidung absolut richtig und nachvollziehbar. Wer Tiere anfasst, stresst oder gefährdet, überschreitet eine klare Grenze. Hier geht es nicht um Strenge oder Bestrafung, sondern um Schutz – für die Tiere, für das Riff und letztlich auch für andere Taucher.

Viele Tauchgänge ersetzen keine saubere Tarierung

Ein anderes Erlebnis blieb mir ebenso im Gedächtnis. In einer Tauchgruppe waren drei Frauen dabei, die sehr selbstbewusst damit prahlten, wie viele Tauchgänge sie bereits absolviert hatten. Unter Wasser zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Beim Fotografieren hatten sie ihre Tarierung überhaupt nicht unter Kontrolle. Sie knieten sich auf Korallen, stützten sich ab und wirbelten Sediment auf.

Die Dive Pro zog auch hier eine klare Konsequenz:
Für die nächsten Tauchgänge wurde ihnen das Fotografieren untersagt – solange, bis sie ihre Tarierung sicher beherrschten.

Auch diese Entscheidung hätte ich genauso getroffen. Unterwasserfotografie ist ein Privileg, kein Recht. Wer nicht stabil im Wasser liegt, richtet unweigerlich Schaden an – ganz egal, wie viele Tauchgänge im Logbuch stehen.

Nachhaltig tauchen heißt, auch Nein sagen zu können

Beiden Situationen zolle ich dem Tauchcenter großen Respekt. Denn es ist nicht selbstverständlich, klare Grenzen zu setzen. Gerade in einer Branche, in der wirtschaftlicher Druck herrscht, wäre es leicht, solche Dinge zu ignorieren und „alle mitzunehmen“.

Doch nachhaltiges Tauchen bedeutet eben auch:

  • nicht jeden Wunsch zu erfüllen
  • Regeln konsequent durchzusetzen
  • notfalls jemanden nicht mit auf einen Tauchgang zu nehmen

Nicht aus Willkür, sondern aus Verantwortung.

Respektvoll tauchen – für heute und für morgen

Für mich ist klar:
Es geht nicht darum, möglichst viele Taucher durch eine Saison zu schleusen. Es geht darum, Tauchen mit Respekt, Achtsamkeit und Bewusstsein zu vermitteln. Nur so können wir sicherstellen, dass auch zukünftige Generationen diese unglaubliche Unterwasserwelt erleben dürfen.

Nachhaltiges Tauchen beginnt bei der eigenen Haltung – und zeigt sich in jedem einzelnen Tauchgang.